Internationale Poesie seit 1984 · POINT Editions & Stiftung ITHACA
Nº 696 Gedichte

Ich will meinen Mund nicht aufmachen

Nadia Anjuman · Afganistan

Nadia Anjuman - 696

ICH WILL MEINEN MUND NICHT AUFMACHEN

Ich will meinen Mund nicht aufmachen
Worüber soll ich singen …?
Ich werde vom Leben gehasst.
Es gibt keinen Unterschied zwischen Singen und Nicht-Singen.
Warum sollte ich über Sanftmut sprechen?
wenn ich so viel Bitterkeit erlebe?

Die Faust des Unterdrückers
schlug auf meinen Mund.
Ich habe niemanden, der mir im Leben zur Seite steht,
für wen könnte ich freundlich sein?
Es gibt keinen Unterschied zwischen sprechen, lachen,
sterben oder existieren.

Ich bin in die Einsamkeit gezwungen,
mit Schmerz und Kummer.
Ich wurde für nichts geboren
Mein Mund sollte versiegelt sein.
Oh mein Herz, du weißt, dass der Frühling gekommen ist,
dass es die richtige Zeit zum Feiern ist.

Aber was kann ich mit einem gebrochenen Flügel tun?
der mich am Fliegen hindert?
Zu lange habe ich geschwiegen
aber ich habe die Melodie nie vergessen
und flüstere sie weiterhin jeden Augenblick.

Die Lieder, die aus meinem Herzen kommen
Erinnern mich daran
dass ich eines Tages aus diesem Käfig ausbrechen werde,
von dieser Einsamkeit wegfliegen werde
und wie ein Melancholiker werde singen.
Ich bin keine zerbrechliche Pappel
die vom Wind geschüttelt wird.
Ich bin eine afghanische Frau,
nur die Klage macht noch Sinn.

Übersetzung aus dem Spanisch von Germain Droogenbroodt –
Wolfgang Klinck

*Afghanische Dichterin und Journalistin, Aktivistin für Frauenrechte,

von ihrem Ehemann und dessen Familie zu Tode geprügelt

Jedes Gedicht per E-Mail erhalten

Ein Gedicht eines Autors aus aller Welt, in mehrere Sprachen übersetzt.