Die Geschichte einer treuen Frau
DIE GESCHICHTE EINER TREUEN FRAU
Als du in ein fernes Land blauer Berge flogst,
weinte ich nicht bitterlich, wie treue Frauen es tun,
ergab mich keiner erfundenen Einsamkeit, wie manche es tun,
denn du ließest deinen Körperduft bei mir zurück.
Ich, in unserem Nest auf der Goldregenkrone,
erwartete die kleinen Bissen der Liebe,
die du mir vielleicht bringen würdest.
Im Morgenlicht gebadet beginne ich meinen Tag,
blättere in den Blättern heiliger Schriften; alles wird gut sein.
Zum Mittag erwarte ich täglich Freunde,
in trägen Nachmittagen ziehen Gedanken
ein Kreuz und Quer aus Licht und Schatten.
Wenn die Sterne meine Nachbarn sind,
wer könnte sich mit dem Mond streiten?
Wo bliebe da Raum für Traurigkeit?
Die Wolken lehren mich zu fliegen.
Doch an jenem Abend, als das Gelächter des Windes
in mein Zimmer eindrang
und meine Kerzen umstürzte,
verstand ich im Abendgebet:
fern von mir wurden die Rippen meiner Liebe
erbarmungslos gebrochen.
In dieser Nacht fiel der erste Regen des Jahres,
und seit jenem Tag fällt Regen,
um ein ganzes Buch ungeheuchelten Schmerzes zu schreiben.
Schönheit tröstet kaum das verlassene Herz,
die Goldregenkrone ist nun mein brennender Scheiterhaufen.
Tamali Neogi, India
Übersetzung Germain Droogenbroodt



